feldstein

Fährt man von Woltersdorf auf der L 259 in Richtung Lichtenberg, erblickt man bald auf der rechten Seite, kurz hinter dem “Pastorenwald” das älteste und mächtigste Bauwerk Woltersdorfer Geschichte:

                                          Die Feldkirche
 

FK11

Lesen wir, was Marianne Gehrke aus alten Kirchenbücher hierüber in Erfahrung bringen konnte:
Aus welchen Gründen man die Kirche ins freie Feld, außerhalb der Ortschaft baute, kann  man heute nur vermuten, denn über die Entstehung der Kirche ist keine Nachricht erhalten geblieben. Entweder wollte man sie in die ungefähre Mitte zwischen die einzelnen Ortschaften Woltersdorf, Oerenburg, Klein Breese, Thurau, Lichtenberg und einem Teil von Groß Breese (6 Höfe) -  also der Kirchengemeinde - legen oder aber  der hohe Grundwasserstand verbot das Begraben der Toten in unmittelbarer Nähe eines Dorfes.
Ein weiterer Grund wäre auch gewesen, daß man eine alte slawische Opferstätte dem Dienste des wahren Gottes weihen wollte. Dieses sind aber alles nur Vermutungen.

Das ursprüngliche Gotteshaus mit seinem mächtigen Turm und seinem kleinen Schiff steht jetzt noch an seiner alten Stätte mitten  in der  Woltersdorfer  Feldmark. Darum trägt diese Kirche auch seit alters her den Namen „Die Kirche auf dem Felde“ bzw. „Woltersdorfer Feldkirche“. Nur einmal wird sie urkundlich als „Die Kirche auf dem Berge“  erwähnt.
Die aus Feldsteinen errichtete Kirche wurde vermutlich um 1100 n. Chr. von Mönchen aus dem Kloster Diesdorf, das in der angrenzenden Altmark liegt, gebaut.

Das Kirchenschiff erscheint klein im Gegensatz zu dem gewaltigen Turm, der eine viereckige Form hat. Im Glockenstuhl hängen zwei Glocken von verschiedener Größe und unterschiedlichem Alter.
Die älteste Glocke, die etwa um 1150 gegossen wurde, ist ohne jede Inschrift. An ihrem Mantel ist nur ein kleines Kreuz und ein nicht lesbarer Buchstabe, der scheinbar in Spiegelschrift geschrieben wurde, zu sehen. Aber gerade das Fehlen einer Inschrift wird als Zeichen für ein hohes Alter angesehen. Das Kreuz soll ein sog. Weihekreuz sein. Obwohl die Glocke in etwa das gleiche Alter wie die Kirche selbst haben sollte, hängt sie erst seit ca. 180 Jahren auf diesem Glockenstuhl. Ihre Vorgängerin ist im Jahre 1805, beim Läuten zur Beerdigung des alten Heiseke aus Kl. Breese, vom baufälligen Glockenstuhl im Kirchturm heruntergestürzt und zersprungen. Eine Beschreibung dieser Glocke ist in den Kirchenbüchern leider nicht zu finden.
Für die zerstörte Glocke wurde eine andere, kleinere Glocke angeschafft, die „feiner“ im Klang war. Es war aber keine neue Glocke, sondern eine alte, die seit langem  ihren Platz in der Hamburger Domkirche hatte.
Am 24. Juni 1973 wurde im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes eine zweite Glocke für die Feldkirche geweiht, sie soll die große Glocke ergänzen und auch zeitweilig ersetzen.
Im Gegensatz zu der vorhandenen Glocke, die im Kammerton c gestimmt ist, ertönt die neue Glocke im Kammerton a. Sie ist etwa 1 m hoch, hat am unteren Rand einen Durchmesser von 97 cm und wiegt 16 Zentner. Am unteren Rand befindet sich die Jahreszahl 1973, in halber Höhe ein Kreuz und am oberen Rand die Inschrift „Christ ist erstanden“.

Die von Pastor Seidel 1861 aufgestellte Behauptung „die Mauern der Kirche sind ohne jede Verzierung“ dürfte nicht ganz zutreffen. Im Mörtelputz der Nord– und Südwand, besonders an letzterer sichtbar, ziehen sich waagerechte und senkrechte Striche hin.
An der östlichen Kirchenwand – die einzige, die ihre ursprüngliche Form bewahrt hat – befinden sich zwei kleine, schmale, jetzt nach innen verdeckte Fenster, welche Altertumswert haben und in deren  kleinen Wänden noch einige von den ursprünglich eingeschlagenen, kopflosen Nägeln stecken. Ferner befand sich an der Ostwand, an der Giebelspitze ein offenes Kreuz, das jetzt zugemauert ist.

An der Nordwand der Kirche springt ein Stein hervor, der wie ein Menschenantlitz Goetz303aussieht, der sogenannte "Götzenstein".


Das offene Kreuz soll, ebenso wie die Rillen, ein Zeichen für das hohe Alter dieser Kirche sein. Beide Merkmale sind z. B. auch an der Kirche zu Thomasburg – im Jahre 1059 erbaut – zu finden.
Im Inneren der Kirche befand sich an der Ostwand außer dem eichenen Wandschrank, in welchem früher die Altardecken aufbewahrt wurden, eine kleine Nische, in der wohl zu katholischer Zeit die heiligen Öle standen.

Die Kanzel und die Empore oder „Prische“ sind wahrscheinlich erst nach der Reformation eingebaut worden. Die alte Kanzel war an der südlichen Längsseite eingebaut, in Verbindung mit der dortigen Empore, so daß, wie es in einer alten Nachricht heißt, der Pastor, wenn er predigte, unter den Lichtenberger Bauern stand. Damals ging man auch nicht, wie später, von außen auf die Lichtenberger Empore, sondern von innen. Die Treppe befand sich noch um 1900 in einem jetzt abgerissenen Haus eines Woltersdorfer Bauernhofes.

Im Jahre 1775 hat man die Kanzel von der Lichtenberger Empore getrennt und eine neue über dem Altar errichtet. Damit erhielten Altar und Empore die Form, welche die Älteren unter uns noch kennen.
Über die Einweihung der damaligen Kanzel schreibt Christoph Homburg (von 1763 – 1794 Prediger in Woltersdorf):

„•Palmarium (1775) habe ich zum ersten Mahl auf der Cantzel gepredigt, welche ans Altar verleget worden.
 
Wo die Cantzel vorher  gestanden, ist ein prediger-witwenstuhl gemachet.
 
Wenn aber keine Witwe, soll ihn der prediger  for sein gesinde brauchen.

Am Tage des 150–jährigen Kanzeljubiläums, am Sonntag Palmarum 1925, hat der damalige Pastor Franke entgegen der sonstigen Gewohnheit seine Konfirmationspredigt nicht vom Altar, sondern von der Kanzel gehalten. Am Tage der Einweihung der Kanzel im Jahre 1775 ist die Predigt des Pastors Homburg sicher keine Konfirmationspredigt gewesen, da nach dem Konfirmationsverzeichnis damals die Konfirmation erst nach dem Osterfest ( 1775 am 2. Sonntag nach Ostern) stattfand.

Der Standort der Kanzel über dem Altar wurde von vielen als Mißachtung desselben angesehen; dagegen läßt sich aber folgendes geltend machen:
Der Predigerstuhl oder die Kanzel hat in den Kirchen älteres Recht als der Altar, den es in den ersten Kirchen nicht gab. An der Stelle, an der jetzt der Altar steht, stand früher der Bischofsstuhl, von dem aus der Bischof sitzend predigte. Dieser Stuhl wurde später vom Altar verdrängt. Mit dem Anbringen der Kanzel über dem Altar hat man somit dem Bischofsstuhl seinen alten Platz – wenn auch erhöht – wiedergegeben.
Im Woltersdorfer Kirchenbuch von 1626 (sein eigentlicher Name ist: Richtiges Verzeichnis) steht folgendes:

1. Was bei dieser Pfarr der Pastor und Cüster an jährlichen Hebungen, aus an Acker, Wiesen, Gerechtigkeit und Accidentalien zum Unterhalt haben,
2. Was der Kirchen und filial Intraden und Einkommen sein"
Auf Anordnung und Zusendung dieses Kirchenbuchs durch den Ambtman des fürstlichen Hauses Lüchow, Herrn Henricum Herberß, Anno 1626 von mit Andreas Rodewald, damaligen pastoren angefangen, wie ichs in meiner bedienung damit beschaffen sein, gefunden habe.

Für dieses Büchlein mußte die Kirchenkasse 25 Schillinge und 4 Pfennige bezahlen.

Ein erster Bericht über die Kirche ist am 18. März Anno 1734  von dem damaligen Pastor Curt Christof Lehmann verzeichnet. Darin heißt es unter anderem:

1. Die Kirche ist belegen unter der Inspect., Ambt und Gericht nach Lüchow.
2. Die Kirche und der Thurm sind in der länge 35 und in der breite 15 Schritte ist im guten Stande, aber nicht gewölbet, die Cantzel ist sehr incommode weile der Pastor mit den Bauern auf einer Treppe nach der Prichel gehen muß und etwa 3 Schritt hervortritt und stehen die bauern umbher, eine Orgel ist nicht darin, ist sonsten mit Pricheln und guten Stühlen versehen.
3. Ein ordentlich Stuhl–Register wird nicht gehalten., weile die Eingefahrten alle freye Stände haben.      
4. Der Thurm ist ziemlich hoch, weile Er mitten im Felde auf einem Berg lieget, kan auf 2 Meilen gesehen werden, ist in gutem Stande, hat nur eine Klocke, wenn die Kirche sowoll als der Thurm eine reparierung von nöthen hat werden die Kirchen–Gelder dazu angewendet; sind aber die nicht zulänglich, muß die Gemeine mit zutreten. Es ist hier nicht gebrächlich, zu der Braut Meße zu läuten; wenn Todten werden beerdigt, haben sie das Geläute frey. Eine Schlag–Uhr ist nicht darin, weil die Kirche nebst dem Thurm bey 3000 Schrit vom Pfardorf lieget, und ist im Winter so woll dem Prediger als denen Zuhörern sehr  beschwerlich.        
5.–        
6. Ihre Königliche Majestät, und Churfürstliche Durchlauchtigkeit unser allergnädigster Herr sind Patronus.        
7.–        
8. In der Kirche ist zwar ein fester Schrancke mit einem Eisern Riegel woll verwahret, ist aber Anno 1726 gewaltsamer weise erbrochen, und die Altar Lacken weggestohlen. Documenta sind nicht vorhanden, und ist in dem Schrancken nichts befindlich als die Königlichen mandata, die jährlichen von der Cantzel publizieret werden.      
9.–11.-      
12. Was an Geräthschaften die Kirche hat:              
1. Einen vergüldeten Silbernen Kelch, hält ungefehr ½ quart Wein              
2. Einen Zinnern Kelch              
3. eine silberne kleine Oblaten Schachtel              
4. einen silbernen Teller darinnen die Oblaten geleget werden.              
5. 3 Zinnerne Leuchtern              
6. Obglech Anno 1726 die Altars Lacken und decken weggestohlen, so ist der Altar wiederumb bekleidet worden. Die Frau von Bodendorƒen hat darauf verehret eine graue samene Decke mit güldenen Spitzen welche wenn die Decke gebraucht alle mahl von dem Cüster mit herunter genommen. Eine gute Freundin ein grünes Lacken und Decke mit grünen Franseln, eine gute Freundin ein weis leinen Unter Lacken nebst einem grünen samenen mit Silber ausgestickten Klinge Beutel und ein Silber Klöcklein.
13. Der Kirchhof ist von zimlicher größe, nemlich 69 Schrit lang und 60 Schrit breit und haben die Eingefahrten frey Begräbniß.
14. Die Mauern oder Plancken  muß die Gemeinde erhalten und jedwede dorfschaft hat ihr Carell, so weit sie berechtigt sind, hier Todten zu begraben.

Mag der Weg aus den Dörfern des Kirchspiels Woltersdorf im Sommer angenehm sein und die Schönheit und Stille der Natur den Menschen die rechte Andacht für die Predigt im Gotteshaus geschaffen haben, im Winter ist der weite Weg sicher recht beschwerlich gewesen. Oft wird in den alten Kirchenbüchern darüber geklagt, daß der Pastor vor fast leeren Bänken predigen mußte. Im Circular, anläßlich der Aposteltage 1769, steht zu lesen:
„wo aber das erste mal nur 6  und  ander mal 4 erwachsene  leute waren“

Diese Umstände mögen,  besonders  in den beiden größeren Dörfern Woltersdorf und  Lichtenberg den Wunsch geweckt haben,  im Dorf  selbst  eine  gottesdienstliche  Versammlungsstätte zu  haben. So  entstanden  je  eine Kapelle  in Woltersdorf (15. Jh.)  und Lichtenberg (17. Jh.).
 
Im hannoverschen Pfarrbuch steht zu lesen:

„Woltersd. 516, Lichtenb. 264, Thurau 80, Breese 98 – insgesamt 958  Lutheraner mit einigen Nichtlutheranern. Wege gut, Hagelfeier, 1 Kapellen predigt in Lichtb. daselbst, auch drei Pass. Gott d. – Taufen  regelmäßig in der Kapelle zu Wolt. dort auch die Trauungen. Die Trauungen von Lichtb.  fast immer in der Kirche, Teils Fuhrwerk, teils Entsch, 1 KV  Kirchenvorsteher welcher zugleich Kap.V ik. Kirche im freien Feld liegend, mit 270  Sitzplätze, Kapelle im Gemeindehause zu  W. mit 250 Sitzpl., Akustik in der Kap gut in der Kirche erträglich, Heizung in der Kap. mit Kachelöfen, 1 Friedh. neben der Kirche.“

Alle Bewohner des Kirchspiels lassen von jeher ihre Kinder in der Kirche taufen,  konfirmieren und trauen, dort wo sie selbst einmal auf dem umliegenden Friedhof glauben, die ewige Ruhe zu finden.
Früher pflegte man an jedes neue Grab eine Bank zu stellen. Die Angehörigen meinten, den Verstorbenen eine besondere Liebestat zu erweisen,  wenn sie täglich auf der Bank saßen und beteten.

Eine Schlehenhecke schließt den Friedhof nach der Straße und dem Felde hin ab
Betritt man heute das Kirchengrundstück durch das mächtige Baumportal, das von zwei uralten Linden gebildet wird, erblickt man bald zur Rechten, gegenüber dem Kriegerdenkmal eine alte und immer noch gepflegte Familiengrabstätte aus dem 19. Jahrhundert. Hier sind 1818 der 2. Schleusenmeister der Palmschleuse in Lauenburg, Johann Friedrich  S c h u l t z  und seine Ehefrau Gertrud Susemihl beigesetzt worden. Die Grabstätte wurde dann von ihren Söhnen auf ewige Zeiten angekauft.

FGrb
fk45

Die Feldkirche im Jahr 1945
(Ins Auge fallend sind hier das schindelgedeckte Kirchturmdach sowie die hohen Grabsteine im Stil der damaligen Zeit.
)

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